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Dieses Dokument im Internet: www.bielefeldt.de/cho99d.htm
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Cho Oyu 1997
Cho Oyu
1997
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Kurzzusammenfassung - Berge
Cho Oyu8201 m

Tibet - Expedition zum Cho Oyu (8201 m)

18. April - 26. Mai 1999

Dies ist das persönliche Expeditionstagebuch von Hartmut Bielefeldt und Claudia Bäumler. Es handelt sich also nicht um einen offiziellen Bericht. Wir beide sind Mitglieder der Augsburger Expedition, die die An- und Abreise bis Basislager zusammen mit Amical Alpin gemeinsam hat und am Berg selbst als eigenständige Gruppe agiert.

Augsburger Expedition:

Claudia Bäumler
Michael Beuter (Exped.-leiter)
Hartmut Bielefeldt
Petra Kluger
Sorin Nistor
Christian Rottenegger

Expedition von Amical Alpin:

Expeditionsleitung: Robert Rackl
Teilnehmer: Thomas Becherer, Erich Berger, Martin Bischoff, Johann Brandner, Frank Everts, Martine Farenza, Helmut Hackl, Gerhard Primisser, Eckhard Schmitt, Gerd Spahn, Thomas Zwahlen

Verfasser dieses Textes: Hartmut Bielefeldt

Inhaltsverzeichnis


Sonntag, 18. April 1999 / Montag, 19. April 1999

Flug nach Kathmandu
Am Sonntagnachmittag ist Treffpunkt am Flughafen Frankfurt. Petra, wir zwei und die Amical-Gruppe fliegen heute nach Kathmandu, während Michael, Christian und Sorin schon seit letzter Woche in Nepal sind, um bei einem kurzen Trekking etwas Akklimatisation zu tanken.
Beide Gruppen - Augsburg (6 Personen) und Amical (12 Personen) werden die Anreise von Kathmandu bis ins Basislager zusammen machen. Der Hauptunterschied am Berg besteht darin, daß wir keine Hochträger haben und uns um Hochlagerzelte, -einrichtung und -verpflegung selbst kümmern müssen.
Zwei alte Bekannte vom letzten Versuch am Cho Oyu sind auch dabei, Gerd und Martine. Bei Gerd ist es der dritte Anlauf.
Nach Zwischenlandung in Dubai morgens um vier sind wir gegen zehn Uhr Ortszeit [1] in Kathmandu, wo die beiden Gruppen von den jeweiligen Leitern und der örtlichen Agentur in Empfang genommen werden. Das Straßennetz von Kathmandu hat sich nicht wesentlich gebessert, genauso wie der chaotische Verkehr darauf. Der Kurs der Rupie liegt mittlerweile bei ca. 66 Rs/US$, also etwas niedriger also vor zwei Jahren.

Dienstag, 20. April 1999

Kathmandu
Die meisten waren noch nie in Nepal und unternehmen eine Besichtigungstour nach Pashupatinath und Bodnath. Da wir das schon gesehen haben, fahren wir nach Bhaktapur [2]. Der Eintrittspreis, der für westliche Touristen erhoben wird, ist mit Rs. 300 recht stolz, soll aber für Restaurierungsarbeiten verwendet werden. Hier steht die höchste Pagode Nepals und eine Vielzahl weiterer Tempel mit schönen Holzschnitzereien.
Nepals höchste Pagode
Nepals höchste Pagode
Töpfermarkt in Bhaktapur
Töpfermarkt in Bhaktapur

Das Wetter ist ziemlich warm, aber sehr dunstig (man sieht überhaupt keine Berge).
Am Nachmittag ein weiterer Ausflug nach Thamel, um die vergessenen Faserpelzhandschuhe zu ersetzen und noch ein paar Vorräte zu ergänzen.

Mittwoch, 21. April 1999

Kathmandu - Zhangmu
Morgens kurz nach sieben werden wir zur Agentur gefahren (Thamserku hat ein neues, ziemlich großzügiges Gebäude außerhalb der Stadt). Von dort geht's im Bus weiter in Richtung Grenze. Bis Barabise ist die Straße geteert und in sehr gutem Zustand, was später einigermaßen nachläßt. Nach 4 1/2 Stunden ist der nepalische Grenzort Kodari erreicht (1700 m); zum Mittagessen gibt es Dhal Bhaat [3], und dann wird auf den Grenzübertritt gewartet. Eine gute Stunde später sind wir schon unterwegs zu Fuß über die "Freundschaftsbrücke", dann per Lastwagen nach Zhangmu (tibet.:Khasa; 2300 m), wo die Einreisekontrolle stattfindet, bei der diesmal sogar vereinzeltes Lächeln wahrzunehmen ist. Die Uhr wird um 2 1/4 Stunden vorgestellt auf Peking-Zeit [4], und um 17:30 sind wir im Hotel. Ab hier wird unsere Weiterreise durch die Tibet Mountaineering Association (TMA) organisiert, d.h. Hotel und Restaurant werden uns zugewiesen.
Das Hotel stellt sich als eigentliche Überraschung heraus, es handelt sich um ein Neues (letztes Jahr eröffnet), dem man tatsächlich die Bezeichnung "Hotel" zuerkennen kann. Die Dusche ist zwanglos im Gesamtkonzept des Badezimmers integriert. Auch das Restaurant ist in Ordnung, das Essen gut (ab jetzt gibt's Chinesisch).
Was die allgemeine Atmosphäre in Zhangmu angeht, hat sich allerdings nichts gegenüber vor zwei Jahren geändert. Immer noch das Dreckigste, was man sich so ungefähr vorstellen kann. Die Hauptstraße ist eine Schlammpiste, auf die von den Häusern aus wahllos Spülwasser und sonstige Reste gekippt werden, und für dringende Geschäfte gibt es den Straßengraben (soweit vorhanden).
Straßenszene
Straßenszene
Duell mit den Pommes Frites
Duell mit den Pommes Frites

Donnerstag, 22. April 1999

Zhangmu - Nyalam
Morgens gegen zehn fahren wir mit Jeeps nach Nyalam (3700 m). Die Straße ist in recht gutem Zustand, wenn auch natürlich weit weg von "westlichen Standards". Es liegt viel weniger Schnee als vor zwei Jahren. Am Nachmittag ein kurzer Akklimatisationsspaziergang bis 4000 m.
Wir übernachten im "Snow Land Hotel" im Dreibrettzimmer - die Betten sind eher hart. Aber sonst gibt es keinen Grund zur Unzufriedenheit. Das Essen ist wiederum gut, zu Mittag und Abend gibt es im wesentlichen dasselbe (Reis mit Gemüse, Rührei und teilweise unidentifizierbaren Beilagen).

Freitag, 23. April 1999

Nyalam
Unser heutiger Akklimatisationsspaziergang führt uns ins Tal Richtung Shisha Pangma hinein auf einen Moränenrücken, der eine schöne Aussicht auf die benachbarten Berge des Langtang Himal bietet. Hier fließt auch Wasser, und daher ist es grüner als direkt um Nyalam herum. Die einzigen Blumen sind allerdings Kugelprimeln, die von gelben Schmetterlingen besucht werden.
Für gute Aussicht muß man einigermaßen früh unterwegs sein, denn gegen Mittag ziehen von Süden her Wolken auf. Heute regnet es abends sogar, natürlich gerade als wir alle Klamotten auf der "Dachterrasse" zum Trocknen ausgelegt haben.

Samstag, 24. April 1999

Nyalam - Tingri
Weiter geht es, nach einem kurzen Besichtigungsstop beim Milarepa-Kloster fahren wir durch endloses wüstes Graubraun zum Lalung-Leh-Pass (5050 m), wo sich ein großartiger Blick auf den Rolwaling Himal mit seinen 7000ern und auf den nächstgelegegenen 8000er, die Shisha Pangma, bietet.
Lalung-Leh-Pass (5050 m), im Hintergrund die Shisha Pangma
Lalung-Leh-Pass (5050 m),
im Hintergrund die Shisha Pangma

Gruppenbild
Gruppenbild.
Von links: Petra, Michael, Hartmut, Claudia, Christian, Sorin

Nach nochmals 70 km öffnet sich hinter einer Kurve ein großartiger Ausblick auf Cho Oyu und Mount Everest, und 30 km weiter erreichen wir Tingri (4300 m). Auch hier hat es ein bißchen Fortschritt gegeben: Anstatt im gemütlichen, wenn auch sehr rustikalen tibetischen Restaurant sitzen wir nun im neuen chinesischen Restaurant, wo es natürlich im wesentlichen dasselbe gibt wie schon in Nyalam und Zhangmu. Die Essensqualität mag allerdings durchaus besser einschätzbar sein als beim Tibeter.
Auch die zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftige Toilette mit dem berühmten Everest View mußte einem Neubau ohne jeglichen View weichen.
Beim Spaziergang durch den Ort fällt auf, daß besonders die Kinder deutlich offensiver betteln. Sofort hat man eine "Hello Money" rufende Traube um sich, was auf Dauer sehr lästig ist. Und es dürfte bessere Wege geben, den Leuten hier zu mehr Wohlstand zu verhelfen als den Kindern Geld in die Hand zu drücken (z.B. durch Kauf von Kunsthandwerksartikeln, die hier hergestellt werden).

Sonntag, 25. April 1999

Tingri - Fahrer-Basislager
Die letzten dreißig Kilometer Fahrt auf der Piste durch die weite Ebene dauert zwei Stunden, immer auf den Cho Oyu zu. Bald verschwindet der Everest hinter den näherrückenden kleineren Bergen. Hoffentlich sehen wir ihn in drei bis vier Wochen wieder, dann vom Gipfel des Cho Oyu aus.
Das Fahrer-Basislager (Chinesisches Basislager) liegt auf 5000 m, hier hat der chinesische Verbindungsoffizier (der für alle Expeditionen zuständig ist) seinen Stützpunkt. Ab hier geht es übermorgen mit den Yaks zwei Tage lang ins eigentliche Basislager.
Blick vom Fahrer-Basislager zum Cho Oyu
Blick vom Fahrer-Basislager zum Cho Oyu

Für die Akklimatisation wird es mit zunehmender Höhe immer wichtiger, viel zu trinken, auch wenn der Durst an sich nicht so groß ist. Bei jeder Gelegenheit schüttet man also Unmengen Tee in sich hinein, die zumindest teilweise am anderen Ende wieder rauswollen, bevorzugt mitten in der Nacht. Auch scheinbar harmlose Sachen wie Husten, Heiserkeit oder Durchfall muß man mit großer Vorsicht behandeln, denn in angeschlagenem Zustand kann man sich nicht gut an die Höhe anpassen.
Ab jetzt gibt's auch kein Restaurant mehr, wir werden vom Sherpa-Koch [5] versorgt. Mittagessen heute: Bohnen, Krautsalat, Marmeladensandwiches und Mandarinen. Verhungern werden wir die nächsten Wochen sicherlich nicht.
Auch hier gibt's einen Spaziergang einige Meter höher, an alten Festungsruinen vorbei. Bei 5400 m wird's uns zu windig, und wir sind pünktlich zum Nachmittagstee wieder unten. Das Wetter ist wie die letzten Tage auch: morgens wolkenlos, ab mittags zieht Quellbewölkung auf, und es wird windig.
Neben einigen Grasbüscheln wachsen hier noch kleine dornige Büschel und Polsterpflanzen, die sehr der südamerikanischen Llareta ähneln. Die Tierwelt besteht immerhin noch aus Raben, Spatzen (oder so ähnlich), kleinen Kaninchen und Erdhörnchen, die das ganze Gelände unterbuddelt haben. Manchmal huscht es überall um einen herum in die Löcher.

Montag, 26. April 1999

Fahrer-Basislager
Der heutige Tag im Fahrer-Basislager besteht aus Schlafen, Essen und Spazierengehen. Dies, um sich möglichst gut an die schon ganz ordentliche Höhe anzupassen. Morgen kommen unsere Yaks, und dann geht es in zwei Etappen ins eigentliche Basislager, das dann schon auf 5700 m liegt.
Bis auf Einzelne mit Durchfall, etwas Kopfschmerzen oder Halsprobleme halten sich die gesundheitlichen Schwierigkeiten im üblichen Rahmen, so daß wir morgen wohl alle aufbrechen können.
Damit wir wieder näher an vernünftigen Sonnenauf- und -untergangszeiten sind, stellen wir die Uhr wieder um 2 1/4 Stunden auf Nepal-Zeit zurück. Sonst geht die Sonne immer erst um halb neun auf.

Dienstag, 27. April 1999

Fahrer-Basislager - Zwischenlager
Morgens teilen die tibetischen Yaktreiber die Lasten für die Yaks auf. Die Begutachtung des Gepäcks durch den Verbindungsoffizier ergibt auch, daß wir ein paar Yaks mehr benötigen als vorangemeldet waren. Das Problem ist jedoch bald gelöst, die betreffenden Gepäckstücke werden in ein, zwei Tagen nachgeschickt. Ganz allgemein spielt der Verbindungsoffizier für den Ablauf einer Expedition eine Schlüsselrolle, die je nach wechselseitigem Entgegenkommen die Faktoren Zeit und Geld wesentlich beeinflussen kann.
Nach fünfmaligem Umsortieren werden endlich die Lasten auf die Yaks verteilt, die sich mehr oder weniger bald in ihr Schicksal fügen. Da die Karawane schneller ist als wir zu Fuß, gehen wir los, bevor die Prozedur beendet ist.
Die heutige Etappe führt die lange Talebene hinein und dann links der Moräne des Gyabrag-Gletschers sanft aber lange aufwärts. Nach knapp vier Stunden ist unser Lagerplatz von 1997 erreicht; da es dort aber kein Wasser gibt, wird das Zwischenlager erst eine Stunde weiter auf 5400 m aufgeschlagen, wo das kleine Moränental sich verflacht und den Blick auf den Cho Oyu wieder freigibt.
Bei mir verursacht der Aufstieg gegen Ende zähe Kopfschmerzen, die aber freundlicherweise nach Einwurf eines Aspirin schnell verschwinden.

Mittwoch, 28. April 1999

Zwischenlager - Basislager
Schon um halb acht sind wir unterwegs. Nach einem flachen Wegstück wird mit einigem Auf und Ab das Palung-Seitental gequert; dann geht's wieder aufwärts an den Rand der Moräne, die rechts steil zum Gyabrag-Gletscher abfällt. Ein Sattel vermittelt den Durchgang nach unten (natürlich unter Verlust von ca. 200 Höhenmetern) zum Eissee-Lagerplatz (5500 m), wo vor zwei Jahren unser Basislager war. Diesmal gehen wir 1 3/4 Stunden weiter bis zum Tichy-Lager (5700 m).
Auf dem Weg zum Basislager
Auf dem Weg zum Basislager
Ankunft
Ankunft, mit direktem Blick auf unser Ziel.

Hier ist es erstaunlicherweise sogar meist windstill oder nur schwach windig. Mit prächtiger Aussicht auf den Cho Oyu und die nepalischen Berge hinterm Nangpa La [6] richten wir uns hier im groben Moränenschutt für die nächsten dreieinhalb Wochen häuslich ein.
Die noch ungewohnte Höhe führt bei allen zu Atemnot. Im Lauf unseres Aufenthalts wird sich das bessern, aber nie ganz verschwinden: Die größte Höhe, auf die man sich akklimatisieren kann (d.h. dort dauerhaft leben) beträgt ca. 5300 m. Wir sind momentan bei weitem noch nicht für 5000 m akklimatisiert; mit unseren Aktivitäten in den nächsten Wochen wird sich der Körper immer höher akklimatisieren, bis diese magische Grenze erreicht ist. Alle Höhenanpassung darüberhinaus ist nur Adaption, d.h. Erhöhung von Puls und Atemfrequenz zum Ausgleich des reduzierten Sauerstoffangebots. Das notwendige Maß (und der Energieaufwand) der Adaption hängt natürlich von der vorher erworbenen Akklimatisation ab: Wenn man auf 7000 m sitzt und für 5300 m akklimatisiert ist, muß man natürlich weniger adaptieren als mit Akklimatisation für 4000 m. Unabhängig davon ist aber mit jedem langfristigen Aufenthalt über 5300 m ein langsamer körperlicher Abbau verbunden, denn wir sind ja die ganze Zeit nicht für unsere tatsächliche Aufenthaltshöhe akklimatisiert und müssen Energie in die Adaption stecken.

Donnerstag, 29. April 1999

Ruhetag im Basislager
Sorin und Martine steigen heute wieder ins Fahrer-Basislager ab, um sich dort unten besser zu erholen. Sorin kann seine Halsentzündung hier oben nicht kurieren, und Martine hatte während der Nacht Lungenprobleme bekommen. Für die anderen ist heute Ruhetag, Gepäck umräumen und sortieren. Vormittags findet die Puja-Zeremonie [7] statt, die von Sirdar Nawang durchgeführt wird. Am Nachmittag werden Ausrüstung und Essen sortiert und die erste Ladung für die Hochlager für morgen zusammengestellt.
Abends im Basislager. Noch ist das Wetter tadellos.
Abends im Basislager. Noch ist das Wetter tadellos.

Freitag, 30. April 1999

Basislager - Depot - Basislager
Ausgerechnet Hans, der Expeditionsarzt der Amical-Gruppe, muß wegen beginnenden Lungenödems ins Fahrer-Basislager absteigen. Nun sind sie schon zu dritt dort unten. Einige von uns und von den Amicals machen heute einen Erkundungsspaziergang taleinwärts, der für uns bis zum Depot (6050 m) unterhalb des Killerhangs [8] geht. Das bedeutet eine längliche Strecke über den schuttbedeckten, eigentlich flachen Gletscher. Das Auf und Ab über Rücken und Mulden summiert sich beträchtlich. Im Depot lassen wir drei Zelte und einiges an Ausrüstung zurück und steigen wieder ins Basislager ab. Die ganze Aktion dauert fünf Stunden und ist pünktlich beendet, als sich der nachmittägliche Wolkenaufzug als längerer Graupelschauer herausstellt.

Samstag, 01. Mai 1999

Basislager - Lager 1 - Basislager
Da man uns gestern gesagt hat, daß der Platz von Lager 1 stark vereist sei (der Gletscher ist völlig ausgeapert), kommen heute die schweren Schuhe und die Steigeisen ins Gepäck. Am Depot kommen die Zelte dazu, und darauf vergnügen wir uns mit dem "Killerhang", der wie auch vor zwei Jahren schon sehr eintönig ist, aber in unter zwei Stunden erledigt ist. Insgesamt aber doch fast fünf Stunden bis hier.
Der Platz für Lager 1 liegt an einem horizontalen Gratstück mit einigen kleinen Mulden. Die Südseite fällt steil in den Killerhang ab; Platz für Zelte gibt es daher nur auf der vergletscherten Nordseite. Vor zwei Jahren lag hier viel Schnee, und es war im wesentlichen egal, wo man das Zelt hingestellt hat. Dieses Jahr schauen überall die Gletscherspalten durch, und die Platzauswahl schränkt sich stark ein.
In der letzten Mulde, bevor der Grat sich zum Berg hin aufsteilt und wo die ersten Fixseile angebracht sind, findet sich ein schöner windgeschützter Platz, wo wir zwei Zelte aufstellen können. Das klingt leichter als getan, denn das Eis muß noch eingeebnet werden, und die Verankerung der Zelte erfordert Unmengen an Steinen, die zum Glück nicht allzuweit entfernt am Grat herumliegen.
Lager 1 Lager 1
Lager 1. Der Weiterweg folgt nun dem Gratrücken.

Nach vollbrachter Arbeit (1 1/2 Stunden) und Deponieren der schweren Bergschuhe, Steigeisen und Pickel hier machen wir uns wieder auf den Rückweg. Inzwischen sind massiv Wolken aufgezogen, und es graupelt hier und da. Gegen halb fünf erreichen wir das Basislager; kurz darauf beginnt es richtig weihnachtlich zu schneien, und ein kräftiges Gewitter kommt noch dazu.
In der Amical-Gruppe hat Frank heute Geburtstag, was einen leckeren Kuchen bedeutet. Aber auch sonst können wir uns über Quantität und Qualität dessen, was uns unser Koch auftischt, nicht beklagen. Bis jetzt ist es uns noch nicht gelungen, alles aufzuessen, nicht mal bei der vorzüglichen Pizza.

Sonntag, 02. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Das Schlechtwetter zieht heute morgen erst recht zögernd ab. Nach der gestrigen Anstrengung legen die meisten heute einen Ruhetag ein, nur Petra und Michael gehen ins Lager 1, um dort zu übernachten (was wir morgen tun werden).
Mittlerweile ist auch das Duschzelt aufgebaut. Sieht aus wie ein Klohäuschen (allerdings ist es gelb und nicht blau wie jene), nur ist unten kein Loch sondern Plastikboden, und oben kann man an einem Haken den Duscheimer (mit Wasserhahn unten) einhängen und dann ein bißchen unter dem auslaufenden Wasser im Kreis hüpfen. Wenn man sich ansieht, mit welchem Aufwand das Wasser hier besorgt wird (aus einem Gletschersee 10 Minuten entfernt), empfiehlt sich die Inanspruchnahme dieser Einrichtung natürlich mit etwas Zurückhaltung. Aber immerhin, "nice to have".
Damit ist unser Basislager jetzt sozusagen komplett. Neben mehreren Toilettenzelten am Rand gibt es zwei Meßzelte, eines für die größere Amical-Gruppe und eines für uns sechs. In ein Zelt würden wir zu achtzehnt nicht passen; wenn aber nicht alle im Basislager sind, rücken wir im großen Zelt etwas zusammen, denn das macht den Sherpas weniger Arbeit, wenn nur ein Zelt bekocht werden muß. Die Abende sind meist eher kurz. Auch wenn Thomas Z. eine schier unerschöpfliche Quelle immer neuer Witze ist, verkrümeln wir uns meist gegen acht Uhr in die Zelte, denn da wird es im Meßzelt unangenehm kalt.
Unser verschneites Basislager
Unser verschneites Basislager
Abends ist es wieder schön
Abends ist es wieder schön.

Montag, 03. Mai 1999

Basislager - Lager 1
Wollen wir mal wieder den öden Gletscher hinterwatscheln, zum Depot herauf und weiter den schönen Killerhang zum Lager 1. Immerhin ist alles soweit eisfrei, daß man diesen Weg immer mit den leichten Trekkingschuhen zurücklegen kann.
Da der Rucksack auch diesmal nicht besonders leicht ist (17 kg), erreichen wir das Lager erst nach 5 3/4 Stunden. Dafür haben wir jetzt fast auch alles oben, was man im täglichen bzw. nächtlichen Leben so braucht.
Unweit unserer Zelte steht ein Tunnelzelt, das von Russen bewohnt wird. Eine von ihnen heißt Ludmilla und erkennt uns gleich wieder: wir waren uns 1993 im Pamir und 1998 im Tien Shan schon begegnet, wo sie als Bergführerin arbeitete.
Heute ist das Schlechtwetter wieder recht schnell, schon um halb fünf beginnt es zu schneien. Zwar donnert es nur einmal, aber der Schneefall hält bis Mitternacht an. Wenn man im Zelt sitzt und Abendessen und viel zu trinken (Akklimatisation!) kochen muß, fühlt man sich schon etwas beengt.

Dienstag, 04. Mai 1999

Lager 1 - Basislager
Die Nacht in Lager 1 war von mäßiger Qualität, nach Einwerfen des zweiten Aspirins abends um elf waren zumindest die Kopfschmerzen weg, und man konnte mehr oder weniger schlafen.
Morgens ist es wieder wolkenlos, aber ohne Sonne will man noch nicht recht aufstehen. Um halb acht wird es dann aber schnell warm und angenehm. In zwei Stunden folgen wir dem Grat in Richtung Lager 2, bis wir vor dem Eisabbruch ein Zelt für später deponieren und unseren Vorstoß als beendet ansehen. Das Wetter ist schön, windstill und extrem warm - eigentlich ein idealer Gipfeltag, aber wir sind eben noch nicht so weit.
So sind wir zufrieden, daß unser heutiger Aufstieg völlig ohne Kopfschmerzen verlief und wir anscheinend ganz gut an unserer Höhenanpassung gearbeitet haben. Der Rückweg zu Lager 1 geht durch die Fixseile sehr schnell (wenn man die richtige Abseiltechnik beherrscht, z.B. Karabinerbremse), der Killerhang ist sowieso kein Thema, nur der Gletscher zum Basislager hinaus ist kräftezehrend und langweilig wie schon immer.
Im Basislager treffen wir Martine und Sorin an, die mittlerweile wieder von Tingri und vom Fahrer-Basislager zurückgekommen sind. Das Ganze war nicht unbedingt ein billiges Vergnügen: Jede über den Verbindungsoffizier oder die TMA organisierte Übernachtung im "Everest View" in Tingri kostet $32, und ein Jeep kostet $1 pro gefahrenem Kilometer, also $80 vom Fahrer-Basislager nach Tingri und zurück.
Hans scheint sich nicht recht erholt zu haben und beschließt, nicht ins Basislager zurückzukehren, sondern heimzufahren, zu unserem großen Bedauern. Am Ende muß aber natürlich jeder selbst wissen, ob er sich hier in dieser Höhe am richtigen Platz fühlt. Ein Lungenödem am eigenen Leib zu erfahren ist sicher auch etwas ganz anderes, als wenn man sich diese ständige Gefahr "nur" bewußt machen muß. Auf sein Gepäck muß Hans leider warten bis zur planmäßigen Rückkehr: Wir könnten zwar jetzt ein Yak mieten, das eine andere Expedition versehentlich zuviel hat. Am Ende der Expedition würden wir aber trotzdem die ursprünglich festgelegte Anzahl Yaks bekommen, also faktisch eines doppelt zahlen ($200) - daher nein danke.

Mittwoch, 05. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Wieder ein Ruhetag, zumindest für uns beide. Petra, Michael und Christian sind uns gegenüber um einen Tag verschoben und gehen zu Lager 1, um morgen dann Lager 2 aufzubauen. Sorin macht seine erste Tagestour zu Lager 1, von der er schon am frühen Nachmittag zurückkommt.
Für uns bietet der Tag unter anderem wieder genug Gelegenheit, die artenreiche Tier- und Pflanzenwelt zu bewundern: Im Basislager wachsen die letzten kleinen Hartpolsterpflanzen, jenseits nur noch ein paar Moose und Flechten (wahrscheinlich kühlt der Gletscher im Tal die Umgebung zu stark ab). Dohlen und Spatzen gibt es auch noch in Lager 1 (auf 6400 m), in Lager 1 zusätzlich große Kolkraben (knapp einen halben Meter groß), im Basislager auch noch Tauben - allesamt offensichtlich Zivilisationsfolger, die auf Essensreste aus den Lagern der Menschen spekulieren. Dohlen gibt es sogar noch in Lager 2 auf 7000 m. Auf dem Boden haben wir bis jetzt nur Mäuse gesichtet (abgesehen von den Yaks, aber die sind ja nicht freiwillig hier).

Donnerstag, 06. Mai 1999

Basislager - Lager 1
Heute ist der Rucksack etwas leichter als eim letzten Transport zu Lager 1; Gletscherquerung und Killerhang werden dadurch aber nur unwesentlich unterhaltsamer. Heute sind hauptsächlich Essensrationen für die Hochlager zu transportieren. Als wir nachmittags das Lager erreichen, sind Petra und Michael noch nicht von Lager 2 zurück. Gegen vier trudeln sie ein und berichten von einer ziemlich langen Etappe - 5 Stunden. Wir werden morgen sehen, was das für uns bedeutet. Immerhin müssen wir kein Zelt dort aufstellen, und wir haben den ganzen Tag Zeit, weil wir ja erst am Samstag wieder runter wollen.

Freitag, 07. Mai 1999

Lager 1 - Lager 2
Das mit der ziemlich langen Etappe stellt sich als durchaus zutreffend heraus. Für mich persönlich sind es 7 1/2 Stunden, aber daran dürfte auch die unerträgliche Mittagshitze mit schuld sein. Die Route von Lager 1 nach Lager 2 ist nicht zu verfehlen, ein erster Teil ist mit Fixseilen versichert. Kurz hinter unserem Zelt kommen die ersten zwei Aufschwünge, die dieses Jahr restlos aus Blankeis bestehen. Danach folgt man dem meist breiten Rücken an den Fuß der ersten Eiswand, die man sich an Fixseilen heraufhangelt. Es folgt ein sehr langweiliges flaches Becken auf 6800 m, wo wir vor zwei Jahren Lager 2 hatten. Diesmal geht es ein ganzes Stück höher: Eine fixseilversicherte blanke Eiswand von ca. 100 m Höhe erfordert - trotz der Fixseile - einiges an Akrobatik oder sehr gut geschliffene Steigeisen. Endlose 80 Höhenmeter danach endlich ein Zelt - aber nur eines, das ist das Lager 2 der Amerikanerinnen. Das tatsächliche Lager 2 liegt weitere 80 Meter höher weiter links auf einem Plateau.
Was könnten wir von hier aus für eine Aussicht bewundern, wenn wir nicht wieder mal im Nachmittags-Schlechtwetter hocken würden.

Samstag, 08. Mai 1999

Lager 2 - Lager 1 - Basislager
Für die ganz schön gewaltige Höhe von 7000 m stellen sich erstaunlich wenige Symptome ein: Das Kopfweh ist nach Einwurf einer Aspirin behoben, Atemnot kommt nur sporadisch vor. Die nicht-höhenspezifischen Wehwehchen (Rückenweh durch langes Rucksacktragen, und vielleicht ein beginnender Sonnenstich durch die gestrige Mittagshitze) lassen trotzdem keine rechte Nachtruhe aufkommen. Und mangels weiterer Unterhaltung sind die Nächte in den Hochlagern meist ziemlich lang, von 19 bis 7 Uhr. Um viertel nach sieben erreicht die Sonne endlich ein Zipfelchen vom Zelt; wir packen zügig zusammen und lassen alles weiter unten nicht dringend benötigte hier (Schlafsack, Kochtopf), damit wir es nicht nochmal hochschleppen müssen. Dafür stehen die Sachen dann auch unseren Kameraden zur Verfügung, die sich wiederum Schlepperei ersparen können. Das ist dann natürlich alles eine Frage der Koordination.
Um halb neun werden draußen Anseilgurt und Steigeisen angelegt. Es ist ziemlich kalt (-18°C), und der Wind macht es noch eisiger. Von Aussicht ist nicht viel zu sehen, die meisten Berge um uns herum sind in Wolken verpackt. Und dem Cho Oyu geht es bald genauso. Zum Glück geht der Abstieg am Grat schnell, der Killerhang ist auch zügig abgearbeitet, aber im langen Gletscherstück zum Basislager heraus erreicht uns der Schneefall voll. Den ganzen Abend schneit es im Basislager weiter.
Momentan ist am Berg viel los, auch im negativen Sinne. Gestern erreichte uns in Lager 2 ein Suchruf nach drei Spaniern, die nach dem Gipfelgang vermißt wurden. Einer war schnell gefunden, er lag in Lager 2 im Zelt, wußte aber nichts von den anderen. Sherpas der britischen (OTT) Expedition konnten in der folgenden Nacht den zweiten noch oberhalb Lager 2 finden; über den dritten erfuhren wir nur, daß angeblich von zwei Mitgliedern der Leipziger Expedition ein Bewußtloser im unteren Gipfelplateau gesichtet wurde. Wenn sich das als wahr herausstellt, besteht nach zwei Nächten dort kaum noch Hoffnung.

Sonntag, 09. Mai 1999

Ruhetag im Basislager / Rettung des vermißten Spaniers
Fast die ganze Nacht durch hat es geschneit. Am Morgen ist die Sonne kaum am milchigen Himmel zu erkennen; also ideal als Ruhetag.
Daraus wird aber nicht allzuviel: Robert, der mit einigen der Amical-Leute in Lager 2 übernachtete, wurde morgens um fünf auf Hilferufe aufmerksam. Sie konnten den vermißten dritten Spanier im Hang oberhalb von Lager 2 finden; er hatte zwei Nächte in ca. 8000 m im Freien verbracht und in entsprechend schlechtem Zustand. Irgendwie muß er sich noch mit letzter Kraft den Hang heruntergemüht haben. Mit Hilfe der Amical-Leute in Lager 1 und Lager 2, der in Lager 1 befindlichen Spanier und Chilenen, der Leipzigerinnen Ellie und Lydia (zum Glück Ärztin bzw. Krankenschwester) und vieler Sherpas wurde der verletzte Augustin über die Steilstufen und den Grat zu Lager 1 und weiter über den Killerhang und auf einer Trage über den Gletscher ins Basislager abtransportiert. Vom Basislager aus wurde die Aktion durch weitere Helfer und Unmengen Getränke unterstützt, so daß der Troß auf dem Gletscher am Ende etwa 40 Leute umfaßte - viele (abwechselnd) tragend, andere das Gepäck der gerade Tragenden transportierend, oder Getränke verteilend.
Immerhin konnte der Spanier, der schwere Erfrierungen an Händen und Füßen davongetragen hat, bei Bewußtsein noch vor Sonnenuntergang ins Basislager gebracht werden, wo er sich schon etwas erholte.
Andererseits gab es auch hier einzelne, die sich mit fadenscheinigen Ausreden oder sogar offener Ignoranz aus der Verantwortung stehlen wollten. Da ich das aber nur aus zweiter Hand erfahren habe, steht mir ein Urteil über die einzelnen Beweggründe nicht zu.
Eine große Anzahl Helfer hat sich in dieser Aktion engagiert, manche fast bis zur völligen Erschöpfung. An diesem Tag wußte ich natürlich noch nicht, daß auch ich später mein Leben dieser engagierten Einstellung meiner Kameraden verdanken würde.

Montag, 10. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Heute ist richtiger Ruhetag mit immer noch nicht sonderlich tollem Wetter. Wieder ist es schon frühmorgens teilweise bewölkt und schneit immer wieder mal.

Dienstag, 11. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Gestern hat es noch lange geschneit. Heute morgen war es zwischen sieben und halb neun sonnig, aber bald darauf kommen Schleierwolken auf und machen das Leben außerhalb des Zelts doch etwas frisch.
Ein Teil der Spanier reist heute mit vorzeitig ins Basislager hochgeschickten Yaks Richtung Kathmandu ab. Augustin hat sich in den paar Tagen sehr gut erholt, er hatte gläcklicherweise "nur" schwere Erfrierungen an Händen, wohl leichtere an den Füßen und eine allgemeine Unterkühlung. Mittlerweile kann er wieder ein paar Meter laufen, er kann auf einem Yak talwärts reiten. Wahrscheinlich ein Yak mit Ausnahme-Zuladung wegen besonderer Umstände - sonst dürfen sie dieses Jahr nämlich nur 40 kg tragen.
Die anderen vier aus unserer Gruppe und einige von der Amical-Gruppe steigen heute nach Lager 1 auf, um morgen nach Lager 2 zu gehen und dort zu übernachten, was wir zwei ja schon am 8. Mai abgehakt haben. Wie meistens teilt sich das Feld in Früh-Losgeher (die noch bei Sonne ankommen wollen) und Spät-Losgeher (die bevorzugt ins Nachmittags-Schlechtwetter hineingehen und dafür länger im akklimatisationstechnisch günstigeren Basislager bleiben).

Mittwoch, 12. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Gestern abend hat's - wie sollte es anders sein - wieder mal lange geschneit. Gegen ein Uhr nachts dagegen war es völlig wolkenlos, die Milchstraße lag über dem Cho Oyu. Ein unglaublicher Anblick, der ganze Himmel dicht mit Sternen übersät.
Damit ist morgens leider wieder Schluß: Alles liegt in einer milchigen hochnebelartigen Suppe, ab Spätvormittag schneit es aus einer recht dünnen Wolkendecke. Ich habe das Wetter vor zwei Jahren als wesentlich stabiler in Erinnerung.
Eigentlich wollten wir zwei heute unseren ersten Gipfelangriff starten. Es ist zwar von uns noch kein Zelt in Lager 3 gebracht worden, aber wir können ein Zelt von den Leipzigern übernehmen, bei dem sie Schwierigkeiten haben es herunterzubringen.
Der Abbau eines gut verankerten Zelts im Hochlager dauert normalerweise ein paar Stunden, und falls man durch irgendwelche Zwischenfälle zum schnellen Abstieg gezwungen ist, ist es gerade für die obersten Lager nicht einfach, nur so mal zum Zeltabbau den strapaziösen Aufstieg nochmal zu machen. So werden wir am Ende versuchen, es runterzunehmen, und dafür müssen wir selber kein Zelt hochschleppen, also dürfte allen Beteiligten gedient sein.
Da sich bei der Amical-Truppe abzeichnet, daß morgen der erste Teil einen Gipfelversuch startet, verschieben wir unseren Abmarsch auch auf morgen. Dann sind wir oberhalb Lager 2 nicht alleine unterwegs, und die Spurerei durch den tiefen Neuschnee verteilt sich auf mehr Leute. Diejenigen, die heute von Lager 1 nach Lager 2 unterwegs waren, durften acht Stunden lang durch 30-40 cm Neuschnee spuren.

Donnerstag, 13. Mai 1999

Basislager - Lager 1
Claudia und ich und einige der Amicals mühen uns wieder nach Lager 1 - die erste Etappe des (hoffentlichen) Gipfelsturms. Das Wetter ist morgens wunderbar wie schon lange nicht mehr; mittags zieht es sich aber rasch zu, und am Abend folgt der übliche Graupel.
Unser einziges Problem neben meinem ständigen Höhenhusten, der mich auch schon mal das Frühstück in die Ecke setzen läßt, ist unser Lager 3. Die Leipziger hatten nämlich auch eine Rundfrage im Basislager laufen, welcher Sherpa es zu einem bestimmten Preis abbaut und herunterholt. Ursprünglich hatte sich darauf niemand gemeldet, mittlerweile soll wohl doch ein Sherpa für $400 da raufgerannt sein. Das könnte das schwerstbepackte Etwas gewesen sein, das uns am oberen Ende des Killerhangs begegnet ist. Das wäre also unser Lager 3 gewesen...

Freitag, 14. Mai 1999

Lager 1 - Versuch zu Lager 2 (Sturm) - Lager 1 - Basislager
Die Nacht war auf Lager 1 bis jetzt unsere stürmischste. Zwar stehen unsere Zelte gut windgeschützt in einer Mulde, aber die kräftigeren Windstöße ruckeln ganz kräftig am Zelt. Außerdem macht der Sturm und der gegens Zelt geworfene Schnee großen Lärm, man schläft nicht gut.
Als wir um viertel vor neun aufbrechen, hat sich der Wind einigermaßen gelegt, und das Wetter sieht auch nicht mehr gar so scheußlich aus. Je weiter wir zum ersten Eisbruch hin vorwärtskommen, desto finsterer und stürmischer wird es allmählich. An den Fixseilen stiebt uns Schnee in Sturmböen ums Gesicht, und im Plateau zwischen erstem und zweitem Eisbruch ist es schließlich so grausig, daß wir die mitgeführten Essensvorräte dort deponieren und baldmöglichst umdrehen - d.h. sobald uns der Wind nicht mehr zu Boden drückt und wir das nächste Markierungsfähnchen in diesem Inferno wieder sehen können.
Immer wieder gegen den Seitenwind ankämpfend arbeiten wir uns den Grat zu Lager 1 hinunter, wo es plötzlich wieder sonnig wird. Das heißt aber noch lange nichts, denn auch hier peitscht der Sturm weiter. Da Eckhard, der einzige der in Lager 2 übernachtet hatte, von umfangreichen Sturmschäden der Zelte dort berichtet und ein Abflauen des Sturms nicht absehbar ist, ziehen wir uns kollektiv ins Basislager zurück.
Wie unsere Gipfeltaktik jetzt überhaupt noch aussehen kann, werden wir wissen, nachdem die Amical-Sherpas morgen die Zelte oben genauer begutachtet haben. Am 23. kommen die Yaks für die Heimreise, das sind nur noch neun Tage.

Samstag, 15. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Morgens im Basislager ist das Wetter im Westen schlecht, der Cho Oyu hat Sonne. Wir können uns kaum mehr erinnern, wann wir das letzte Mal im Basislager morgens keinen Neuschnee hatten. Am Vormittag ist es übrigens im Westen sonnig und dafür am Cho Oyu schlecht.
Sherpa Chuldim hat in Lager 2 die Amical-Zelte begutachtet - drei sind leicht beschädigt, und er versucht sie zu reparieren, und drei sind unbenutzbar. Wie wir später erfahren, ist unser Zelt nicht etwa platt, sondern ganz in Ordnung. Da aber unsere Zeitplanung (und auch unsere Kraft) durch den gestrigen Schneesturm ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wurde, müssen wir uns einen neuen Plan für den letzten verbleibenden Gipfelversuch zurechtlegen. Sowohl Amical als auch wir werden im wesentlichen in zwei Gruppen morgen und übermorgen starten und - endlich mal gutes Wetter vorausgesetzt - am 19. bzw. 20. Mai den Gipfel erreichen.
Statt normalem Nachtisch gibt es heute Kuchen mit "good luck" beschriftet.

Sonntag, 16. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Heute morgen ist es wolkenlos. Gibt das Anlaß zur Hoffnung? Vor drei Tagen war es allerdings auch schon mal so, und weiteres siehe dort. Genauso heute, mittags schneit's wieder; nachmittags wirds wieder sonniger. Es wird immer aprilhafter.
Petra, Sorin und fünf der Amicals sind heute los nach Lager 1 (bzw. gleich weiter nach Lager 2, unsere Schweizer Überflieger). Der Rest wird morgen aufbrechen.

Montag, 17. Mai 1999

Basislager - Lager 1
Plangemäß brechen wir heute zu Lager 1 auf. Die Belegung der Lager ist mittlerweile klar organisiert; zumindest, wenn alle wie geplant vorankommen und uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, sind wir uns gegenseitig nicht im Weg und haben in jedem Lager ausreichend Übernachtungsplatz.
Ob das Wetter jetzt wieder wird?
Ob das Wetter jetzt wieder wird?

Dienstag, 18. Mai 1999

Lager 1 - Lager 2
Im Sturm oberhalb Lager 1
Im Sturm oberhalb Lager 1
Am Eisbruch
Am Eisbruch
Ankunft in Lager 2 (7000 m)
Ankunft in Lager 2 (7000 m)

Heute beginnt es schon mit recht viel Wind. Immerhin soviel, daß wir erst mal unsicher vor dem ersten Eisbruch abwarten, wie die Situation oben aussieht. Leider gibt es keine Funkverbindung; so gehen wir erst mal weiter nach oben, was sich im Nachhinein auch als richtig herausstellt. Denn heute gibt es Aprilwetter hoch drei: Nur drei Stunden nach bitterer Kälte und Wind, die die volle Klamottenkiste herausfordern, laufen wir hemdsärmelig in brütender Hitze über den Gletscher. Die Kollegen weiter oben haben da keine Schwierigkeiten, Lager 3 aufzubauen, und so ist in Lager 2 genügend Platz für uns vorhanden.

Mittwoch, 19. Mai 1999

Lager 2 - Lager 3
Nachts tobt heftiger Sturm, die Gipfelcrew kann nicht wie geplant morgens um drei losgehen. Zur Funkzeit um acht Uhr klärt sich, daß die meisten einen Tag in Lager 3 ausharren werden und morgen einen neuen Versuch starten werden. Einige werden jedoch nach einer eher schlecht verbrachten Nacht absteigen, sodaß die Platzproblematik ein wenig entschärft wird. Entsprechend beginnen wir gegen neun Uhr unseren Aufstieg nach Lager 3. Bis zehn Uhr ist es bitter kalt, danach kommt plötzlich die Sonne heraus, und unter uns liegt ein Wolkenmeer auf 7000 Metern. Die Strecke ist ermüdend, besonders das letzte Stück ins Hochtal von Lager 3 hinein. Ich brauche über vier Stunden für die 350 Höhenmeter. Dafür liegt Lager 3 (7400 m) in denkbar aussichtsreicher Lage.
Lager 3 (7400 m)
Lager 3 (7400 m). Man verzeihe mir, dass Sorin gerade auf dem Häuschen sitzt.

Donnerstag, 20. Mai 1999

Lager 3 - Cho Oyu - Lager 3 - Lager 2
Gipfeltag. Und - ein Wunder - sternenklarer Himmel und praktisch kein Wind. Kurz nach drei arbeitet sich eine Prozession aus Stirnlampen-Glühwürmchen langsam aufwärts. Die Route führt teilweise steil den Hang hoch, aber diese Strecken sind mit Fixseilen versichert. Nach drei Stunden ist das Gelbe Band erreicht, eine Steilstufe aus härterem Gestein, die sich durch den ganzen Hang zieht. Kurz zuvor begegnet mir Sorin, der im Vertrauen auf Aussagen der österreichischen Expedition anscheinend keine Steigklemme mitgenommen hat, sich mit dünnen Handschuhen am Fixseil hochzuziehen versucht hat und dabei an der herrschenden Kälte gescheitert ist. Es sind -20°, aber in der Dunkelheit kommt es einem kälter vor. An der schwächsten Stelle bedeutet das Gelbe Band ein paar Meter Kletterei am Fixseil; darüber neigt sich der Hang deutlich zurück, und der weitere Weg ist nun einsehbar.
Ein wunderschöner Morgen. Am Horizont, 100 km weit, die Shisha Pangma.
Ein wunderschöner Morgen. Am Horizont, 100 km weit, die Shisha Pangma.
Gleich sind wir am Gelben Band
Gleich sind wir am Gelben Band
Oberhalb wird das Gelände wieder einfach.
Oberhalb wird das Gelände wieder einfach.
Bald laufen wir im Nebel
Bald laufen wir im Nebel

Zum Glück ist das Gelände nicht mehr so schneefrei wie zu Anfang unseres Aufenthaltes. Im Schnee läuft es sich sicherlich besser als auf dem darunterliegenden Geröll. Rechtshaltend gelangt man auf das untere Schneefeld. Zwischen den einzelnen Gruppen haben sich mittlerweile größere Abstände gebildet. Ganz vorne sind unsere beiden Schweizer, danach Chuldim, Michael, Claudia, Martine und Frank. Das hintere Grüppchen bilden Eckhard, Helmut und ich; Thomas kommt irgendwann von unten her an uns vorbeigeschossen. Die Aussicht ist prächtig diesen Morgen, auch wenn im Lauf der Zeit immer mehr Quellwolken entstehen. Dafür wird es langsam wärmer, das Gefühl kommt zurück in Finger und Zehen. Richtige Wärme kommt leider nicht auf, denn der Verschluß meiner Thermosflasche ist eingefroren. Interessanterweise Eckhards Flasche übrigens auch (gleiche "Qualitätsmarke").
Nach dem unteren Schneefeld geht es durch einige Geröllbänder aufwärts, bis endlich das Gipfelschneefeld auftaucht. Der eigentliche Gipfel liegt am anderen Ende, etwa eine Stunde noch entfernt. Claudia und Michael hatten dort noch gute Sicht auf den Everest; als ich dort ankomme, hat es sich fast völlig zugezogen, und der Gipfel ist nur daran zu erkennen, daß ein klitzekleines Gipfelkreuz im Schnee steckt und drumherum Gebetsfähnchen ausgelegt sind. Zehn Stunden hat der Aufstieg gedauert; im oberen Bereich ging es langsam voran, aber keineswegs beunruhigend. Immerhin bekomme ich zwischen den Verschnaufpausen noch 20 Schritte hin.
Claudia am Gipfel
Claudia am Gipfel, hinten Mount Everest und (hinterm Skistock) Lhotse.

Zusammen mit Eckhard und Helmut trete ich nach einer halben Stunde den Rückweg an. Das endlose Plateau macht den Eindruck unendlicher Abgeschiedenheit, und man ist froh, wieder die ersten Felsen zu erreichen. Bis aufs Gelbe Band ist der ganze Weg einfaches Gehgelände; trotzdem wird mir der Abstieg immer mühsamer (Flüssigkeitsmangel?). Chuldim kommt uns vom Lager aus mit Getränken ein Stück entgegen; danach geht es etwas besser, aber immer noch sehr langsam. Um 18.45 bin ich wieder in Lager 3, der Abstieg hat 5 1/2 Stunden gedauert.
Im Abstieg, unterm Gelben Band
Im Abstieg, unterm Gelben Band
Bald ist Lager 3 wieder erreicht.
Bald ist Lager 3 wieder erreicht.

Da das Lager schon praktisch abgebaut ist, geht es gleich weiter zu Lager 2, was sicherlich auch der geringeren Höhe von Lager 2 wegen Sinn macht. Michael begleitet mich dabei, während die anderen schon vorgehen. Nach zwei endlosen Stunden durchs Dunkel der Nacht ist Lager 2 (7000 m) erreicht.

Freitag, 21. Mai 1999

Lager 2 - Lager 1 - Basislager (Abstieg / Abtransport)
Die Nacht über habe ich kaum geschlafen, wegen echter oder eingebildeter Atemprobleme. Am Morgen zumindest bin ich so schlecht beieinander, daß meine Kollegen den Flaschensauerstoff von den Sherpas holen müssen. Das Gehen funktioniert so einigermaßen, aber Dinge wie Steigeisen anziehen stellen mich vor größere Koordinationsprobleme. Schnellstmöglich (so schnell wie das mit mir eben geht) steigen wir ab, ich weiterhin mit Sauerstoff. Die Steilstücke lassen die Kameraden mich am Seil ab, in den flacheren Stücken muß ich aber wohl oder übel selber gehen, und das wird immer mühsamer - trotz der Tatsache, daß wir immer weiter herunter kommen und es mir eigentlich langsam besser gehen müßte.
Da ich - in einigermaßen realistischer Selbsteinschätzung, immerhin - schon oben vermutet hatte, daß ich den Abstieg nicht selber schaffen würde, kommt Robert bereits von unten zu Hilfe. Seine Versuche, mich auf dem Rücken zu tragen, sind allerdings nicht allzu erfolgreich.
Als wir Lager 1 erreichen, schenken die Sherpas dort schon eifrig Getränke aus. Nach einer für mich kaum erholsamen Pause geht es weiter, auf Robert und Michael gestützt den Killerhang hinunter. Bald jedoch komme ich zu Fuß gar nicht mehr vorwärts, und die Sherpas beginnen mich abwechselnd auf dem Rücken herunterzutragen. Das geht erst ganz gut, später verliere ich dabei aber mehrmals das Bewußtsein. Im flacheren Gletschergelände kann der Certec-Bag als provisorische Trage verwendet werden, und viele Tragehelfer von unserer und der O.T.T. Expedition sorgen dafür, daß ich schließlich im letzten Tageslicht das Basislager erreiche.
Dort wird das zweite Meßzelt zum Krankenlager umfunktioniert. Eigentlich sollte ich eine Infusion erhalten; die Flüssigkeit läuft aber nicht vernünftig (es dürfte zu kalt sein), und so gibt's die Infusionslösung dann eben aus der Thermosflasche. Verschiedene Kameraden halten diese Nacht schichtweise Wache bei mir und zwingen mich, in regelmäßigen Abständen Infusion und Tee zu trinken, um wenigstens den Flüssigkeitsverlust langsam zu kompensieren. Es ist zwar kein Arzt im Basislager, aber die chilenische Tierärztin Vivien, Expeditionschef Stefan Gatt und Notfallsanitäter Theo Fritsche aus Österreich geben sich größte Mühe um mich.

Samstag, 22. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Am Morgen geht es mir wieder besser, aber zum Aufstehen bin ich noch zu schwach. Das Örtchen ist leider ziemlich weit weg vom Zelt, und sogar gestützt durch Michael und Robert sind die dreißig Meter für mich ein ganzes Stück Arbeit.
Ansonsten ist heute sowieso Ruhetag; die anderen feiern ihren Gipfelsieg und verteilen Geschenke an die Sherpas und den Küchenjungen (z.B: Kleidung, die man nicht mehr nach Hause mitnimmt und die noch einigermaßen gut in Ordnung ist). Von all dem bekomme ich allerdings unter meiner weiterhin andauernden Sauerstoff-Beflutung nichts mit, denn den Großteil des Tages habe ich einfach verschlafen.

Sonntag, 23. Mai 1999

Ruhetag im Basislager
Verglichen mit gestern, ist mein Zustand heute nur unwesentlich besser. Das ist etwas eigenartig, denn eigentlich müßte ich mich hier in der vergleichsweise geringen Höhe ziemlich schnell wieder erholen. Außerdem ist noch ein Durchfall dazugekommen.
Die Sherpas bauen heute die Lager 2 und 1 ab, gegen entsprechende Bezahlung auch unsere Lager. Gegen Abend kommen die Yaks, mit denen wir morgen das Basislager verlassen werden. Ich bekomme ein Extra-Yak, um darauf dann zu reiten. Hoffentlich ist bis dahin der Durchfall etwas besser.

Montag, 24. Mai 1999

Basislager - Fahrer-Basislager - Tingri
Der Durchfall ist wieder weg. Übermäßig fit fühle ich mich zwar immer noch nicht, aber ich kann immerhin schon ein paar Schritte gehen. Um den Weg zum Fahrer-Basislager wie die anderen zu Fuß zurückzulegen, reicht das natürlich noch nicht. Ich werde also auf ein Yak geschnallt und darf talwärts reiten (übrigens immer noch unter Sauerstoffversorgung aus der Flasche).
So souverän sitzt man nur die ersten fünf Minuten auf so einem Vieh.
So souverän sitzt man nur die ersten fünf Minuten auf so einem Vieh.

Der Weg ist weit und langweilig, wir sind von halb neun bis halb zwei unterwegs. Manchmal ist es ganz schön steil, und man muß sich ordentlich festhalten um nicht nach vorne oder hinten abzusteigen. So unmittelbar vom Rücken des Yaks betrachtet, laufen diese Viecher übrigens keineswegs allzu zielgerichtet. Meist versucht man, sich an den anderen vorbeizudrängeln, und irgendeiner wird dann schon nachgeben und läßt einen wieder in die Reihe. Von sinnvoller Nutzung des Terrains haben Yaks auch noch nie was gehört - sie gehen einfach immer geradezu wo sie halt hinwollen, egal ob da Weg oder Steinhalde ist. Ein unerklärliches Wunder, woher die Karawane am Ende überhaupt weiß wo sie ungefähr hinwill. Ein klarer Vorteil ist die Position auf dem Yak übrigens, wenn es um das Durchqueren von Flußläufen geht.
Kurz vorm Fahrer-Basislager fährt uns tatsächlich der Verbindungsoffizier mit Jeep entgegen, wie wir es erhofft hatten. Und für die ersten fünf geht es ohne große Pause sofort weiter nach Tingri. Auf die anderen, und speziell auf die Materialtonnen, warten wir dort bis spät in die Nacht. Immerhin, wir sind jetzt sozusagen wieder zurück in der Zivilisation.
Wieder auf dem Weg in zurück in die Zivilisation
Wieder auf dem Weg in zurück in die Zivilisation

Dienstag, 25. Mai 1999

Tingri - Nyalam - Zhangmu - Kodari - Kathmandu
Nach frühem Frühstück erleben wir eine reibungslose Fahrt durch die mittlerweile an vielen Stellen grüner gewordene Umgebung. Überall wird an den Gerste-Feldern gearbeitet. Am Himalaya-Hauptkamm zeigen sich viele Wolken, ob der Monsun schon da ist? Der Straße zwischen Nyalam und Zhangmu sieht man es auch an, daß es die Tage vorher geregnet hat. Die Schäden durch Murenabgänge sind aber schon wieder ausgebaggert, und es bleibt nur eine knöcheltiefe Schlammpiste. In Zhangmu ist inzwischen tatsächlich was passiert: Das Lastwagen-Wrack, das vor ein paar Wochen noch hoffnungslos tief im Schlamm gesteckt war, ist weg.
Die Grenzabfertigung geschieht sehr schnell, aber auf der Grenzstraße zur Friendship Bridge hinunter gibt es eine einstündige Verzögerung: Ein Lastwagen war anscheinend überladen und ist bei der Bergfahrt hängengeblieben; nun muß die ganze Ladung in einen anderen Lkw umgeladen werden. Nach Abschluß der Aktion dauert es noch ein wenig, bis das Verkehrschaos auf dieser ziemlich engen Straße sich wieder auflöst. Dabei ist es offensichtlich von Nachteil, daß auf diesem Stück wohl nicht ganz klar ist, ob Rechts- (China) oder Linksverkehr (Nepal) herrscht.
Das Schotterstück bis Barabise zieht sich endlos, und als wir das Kathmandu-Tal erreichen, wird es schon dunkel. Das verringert die Geschwindigkeit nochmals, denn bis es stockduster ist, macht niemand das Licht an. Zu allerletzt schalten die Motorräder, die sich überall dazwischendrängeln müssen, das Abblendlicht an. Bei der Yak-ähnlichen Fahrweise der Nepalis (einfach mal überholen, die anderen nehmen schon Rücksicht) für unseren Busfahrer ein sehr stressiges Geschäft. Nach einer kurzen Konfrontation mit einem Ordnungshüter, der einen halben Kilometer vor dem Ziel noch irgendwelche Paragraphen ganz wichtig hat, sind wir um neun Uhr abends im Hotel Yak & Yeti.
Im Gegensatz zu Ländern wie z.B. Argentinien ißt man in Nepal eher früh zu Abend, aber das Buffet ist glücklicherweise bis halb elf offen.

Mittwoch, 26. Mai 1999

Kathmandu - Frankfurt - Leustetten
Schon wieder früh aufstehen. Die Agentur hat Claudia und mir zwei Plätze im nächsten Flug nach Hause reserviert; normalerweise würden wir noch zwei Tage in Kathmandu verbringen und am Freitagmorgen fliegen. So ist es aber insofern besser, als ich mich dann noch zuhause im Krankenhaus durchchecken lassen kann. Um sechs Uhr werden wir zum Flughafen gefahren, gegen acht Uhr ist endlich das ganze Flughafenprocedere fertig, und um neun Uhr verlassen wir Nepal. Mit einer Zwischenlandung in Dubai sind wir abends um fünf Uhr in Frankfurt, um halb elf in Friedrichshafen und um elf Uhr endlich zuhause. Einundzwanzig Stunden unterwegs.
In Kathmandu muss jeder sein Gepaeck selbst einladen
In Kathmandu muss jeder sein Gepäck selbst einladen, das spart wahrscheinlich die Durchleuchtung.

Nachtrag

Es stellt sich natürlich die Frage, weshalb der Verlauf beim Abstieg derart schnell so bedrohlich geworden ist. Am Morgen in Lager 2 dürfte - den Koordinationsproblemen nach zu urteilen - ein Höhenhirnödem vorgelegen haben. Das hätte sich aber im Lauf des Abstiegs schnell bessern müssen, insbesondere natürlich unten im Basislager, nachdem der Flüssigkeitsmangel behoben war. Dazu kam allgemeine Erschöpfung, aber auch ein bronchialer Infekt (sonst wäre wahrscheinlich auch die Erschöpfung nicht so ausgeprägt gewesen). Woher ich allerdings diesen Infekt habe, ist völlig unklar, denn mein Husten (auch mein ziemlich penetranter Höhenreizhusten) ist einige Tage vor dem Gipfelangriff vollständig verschwunden. Das dürfte aber wohl nur heißen, daß zu diesem Zeitpunkt mein Immunsystem noch in Ordnung war und sich unbemerkt dem schon vorhandenen Infekt gewidmet haben dürfte. Nach dem erschöpfenden Gipfeltag war dafür keine Reserve mehr vorhanden, der Infekt brach natürlich genau gleichzeitig mit der Erschöpfung aus, und entsprechend kam alles zusammen.
Ich habe in Deutschland zwei Tage im Krankenhaus (zur Beobachtung) verbracht. Nachdem bleibende Schäden, insbesondere eine Lungenembolie, ausgeschlossen werden konnten, durfte ich wieder nach Hause, um dort eine Woche lang die Nachwirkungen von Ödem, Lungen- und Kreislaufbelastung und Flüssigkeitsverlust auszukurieren.
Daneben habe ich leichte Erfrierungen (I. Grades) an Händen und Füßen erlitten, die momentan zwar etwas lästig sind (taubes Gefühl und öfters leichtes Zwicken); das wird aber im Lauf einiger Monate wieder vollständig in Ordnung sein.

Dank

Ohne die intensive Hilfe meiner Kameraden könnte ich jetzt nicht hier sitzen und diesen Text schreiben. Robert Rackl, Michael Beuter und die mit schier endloser Kraft ausgestatteten Sherpas Chuldim, Ang Phurba und Nawang waren ganz entscheidend an meiner Rettung beteiligt. Unsere schnellen Schweizer Thomas und Martin haben schnell die lebenswichtigen Medikamente herbeigeschafft; viele Mitglieder unserer und der britischen OTT-Expedition haben beim Tragen geholfen und viele andere nützliche Funktionen übernommen, die mir in meinem Zustand damals leider nicht auffallen konnten. Die chilenische Tierärztin Vivien und der österreichische Notfallsanitäter Theo Fritsche haben sich die ganzen kritischen Tage um meine medizinische Versorgung gekümmert; für die wichtige Nachtwache in der ersten Nacht im Basislager danke ich Petra Kluger, Thomas Zwahlen, Martin Bischoff, Christian Rottenegger, und während der folgenden Tage hat sich Claudia Bäumler aufopfernd um mich gekümmert.
Zuhause im Krankenhaus sorgte Dr. Georg Kunze dafür, daß ich ziemlich bald wieder fit für den Alltag war und mir keine Sorgen über dauerhafte Schäden machen muß. Falls ich irgendwen auch immer hier vergessen habe, er möge mir das bitte mitteilen oder mit der Pauschalnennung "Gruppe" zufrieden sein - es gab sicherlich viele Dinge, die ich in meinem Zustand gar nicht wahrgenommen habe geschweige denn sie hätte würdigen können, so wichtig sie vielleicht für mich gewesen sein mögen.
Und, ganz abgesehen von dieser Rettungsaktion, denke ich, daß wir alle zusammen, ganz unabhängig ob Amical oder Augsburg, eine sehr harmonische Groß-Gruppe gebildet haben. Auch dafür, daß es in der Gruppe "klappt", braucht es natürlich immer eine gewisse Portion Glück, und davon haben wir eine ganze Menge gehabt. Dazu gehört natürlich auch ein fähiger Expeditionsleiter, und da hat sowohl "unser eigener" (Michael) sehr engagierte Arbeit geleistet, so wie man offensichtlich (naja, selbstverständlich ist das in dieser unserer Welt sicher nicht, aber wir waren vor zwei Jahren schon mal mit Amical und Robert unterwegs und wußten eigentlich, daß wir in sehr guten Händen sein würden) Robert (als Profi) ganz offensichlich sich und sein Leben jederzeit anvertrauen kann.
Genaugenommen, ist Robert sowieso der Held der diesjährigen Cho Oyu-Saison - den Spanier von Lager 2 herunterbringen, zwei Österreicher von Lager 2 herunterbegleiten, und am Ende meine wirklich aufwendige Rettungsaktion. Daß er dabei selbst nicht auf den Gipfel gekommen ist, ist für ihn (als guten Expeditionsleiter) kein Makel, denn sieben von zehn Amical-Teilnehmern (die den Gipfel versucht haben) haben den Gipfel erreicht (und drei von sechs angeschlossenen Augsburgern).
Daß die Agentur in Kathmandu perfekte Arbeit geleistet hat, geht da schon fast im Nebensächlichen unter. Wir können Thamserku jedem, der sich für eine Unternehmung in Nepal oder Tibet interessiert, mit bestem Gewissen empfehlen. Und natürlich Amical sowieso, und zu Robert siehe oben.
Unsere Alpenvereinssektion (Überlingen/Bodensee) hat diese Unternehmung finanziell unterstützt.
Von meiner ADAC-Auslandskrankenversicherung habe ich die Unkosten für Flaschensauerstoff (immerhin ca. 2000 DM) erstattet bekommen. Einige vielleicht interessante Informationen zum Thema Krankenversicherung auf Reisen habe ich auf diesen Anlass hin zusammengetragen.

Anmerkungen - Sicherheit an Acht- und Siebentausendern

Ich habe verschiedene Dinge bei dieser Expedition gelernt:
  • Achttausender an sich beinhalten im Vergleich zu Siebentausendern erheblich höhere Gesundheitsrisiken.
  • Diese Risiken sind (siehe mein Fall) nicht ohne weiteres erkennbar, auch wenn man sich intensiv mit der Akklimatisationsproblematik auseinandergesetzt hat. Wir waren für das Basislager perfekt akklimatisiert (Ruhepuls wie zuhause), und eine schlummernde Infektion läßt sich vorher nur mit viel Glück erkennen, wenn überhaupt.
  • Die o.a. Risiken können sich gänzlich unerwartet zu massiven Problemen entwickeln.
  • Ein Abtransport eines nicht Gehfähigen oberhalb 7000 m ist nur unter großem Aufwand realisierbar. Eine Kleinexpedition mit bis zu 6 Teilnehmern könnte einen der Ihrigen nur unter absolut besten Bedingungen bergen. Je größer die Gruppe, desto größer ist im Notfall auch die Verfügbarkeit von möglichen Rettern.
  • Sherpas als Hochträger erhöhen die Sicherheit einer Expedition um ein Vielfaches. Auch ein best-akklimatisierter Bergsteiger kann einem gut trainierten Sherpa niemals das Wasser reichen. Daher sind Sherpas als Sicherheitsreserve besonders an den Achttausendern unverzichtbar.
  • An Bergen wie dem Cho Oyu, an denen relativ viele Expeditionen gleichzeitig agieren, kann eine Expedition ohne Sherpas im Bedarfsfall auf Sherpas anderer Gruppen zurückgreifen, was bestenfalls eine finanzielle (oder auch moralische) Frage ist.
  • Vielleicht habe ich diese Trivialität vergessen: Die Maximalöhe für Hubschrauber liegt technisch bedingt bei ca. 5800 m. Am Cho Oyu würde man also gerade das Basislager erreichen; der nächstverfügbare Hubschrauber würde auch tatsächlich bei Namche Bazar stehen, aber er darf die chinesische Grenze nicht überqueren. Chinesische Hubschrauber werden im Notfall aber nicht zur Verfügung gestellt, und so bleibt nur der langwierige Weg über Land zum Fahrer-Basislager und weiter nach Tingri.
  • An wenig besuchten hohen Bergen würde ich persönlich nicht ohne Hochträger-Sherpas anrücken. Dabei geht es mir weniger um den Komfort als die Sicherheit. Der Transport eines nicht Gehfähigen über Schuttgelände involviert etwa 20-40 Personen. Je weniger Helfer vorhanden sind, umso mehr muss natürlich der Einzelne leisten. Was die Sherpas, auch beim Tragen von Lasten, geleistet haben, kann man sich kaum vorstellen, wenn man sie nicht unmittelbar vor Ort gesehen hat.
  • In Summe: Am Cho Oyu ist vielleicht eher viel los, aber dafür findet man im Notfall auch schnell genügend Leute, die helfen können. Ich bin froh, daß diese Leute alle da waren, und möchte mir nicht ausmalen, wie die Situation an einem "einsamen" Berg sich entwickelt hätte.

Zweiter Nachtrag

Robert Rackl ist am 11. Oktober 2003 an der Ama Dablam (Nepal) beim Riss eines alten Fixseils tödlich abgestürzt. Er wird uns fehlen. Sein Handeln, seine Art, sein Wesen werden wir nie vergessen. Er wird für immer ein Maßstab sein, an dem sich ein guter Expeditionsleiter messen lassen muss. Gedenkstein Robert Rackl

Fußnoten

[1] Nepal-Zeit = MESZ + 3:45, das ist also 6:15 MESZ (zurück)
[2] Taxi hin & retour (mit 2 h Warten in Bhaktapur) Rs. 600(zurück)
[3] Reis mit Linsensoße, das nepalische Standard-Gericht.(zurück)
[4] In ganz China gilt einheitlich die Peking-Zeit (=MESZ+6:00). Wie glücklich man in Sinkiang darüber sein mag, daß die Sonne dadurch dort erst um elf aufgeht, sei dahingestellt.(zurück)
[5] Die Sherpa-Mannschaft besteht aus dem Koch Rinji, dem Sirdar Nawang, den beiden Hochträgern Chuldim und Ang Phurba, dem Küchenjungen Pasang und dem tibetischen Küchenhelfer Lakpa. Während unsere Gruppe genauso wie die Amical-Gruppe bekocht wird, sind in unserem "Buchungspaket" keine Hochträgerdienste pauschal eingeschlossen. (zurück)
[6] Der Nangpa La (5700 m) ist der markanteste Pass in diesem Bereich des Himalaya-Hauptkamms. Im Mittelalter ist das heutige Volk der Sherpas aus Tibet über diesen Übergang ins Khumbu eingewandert. Tibetische Yakkarawanen überqueren den Pass heutzutage regelmäßig auf dem Weg zum und vom Markt in Namche Bazar.(zurück)
[7] Die Puja dient dazu, die Götter für Sherpas und Bergsteiger gnädig zu stimmen. Vorher darf niemand an den Berg, ohne daß er das Unglück herausfordern würde. Sirdar (Chef-Sherpa) Nawang ist gleichzeitig Laienpriester.(zurück)
[8] Der "Killerhang" ist die 350 m hohe, steile Schutthalde, die man unmittelbar vor Lager 1 bezwingen muß. Der Name ist ironisch gemeint und bezieht sich auf die verheerende Wirkung des ganzen lockeren Gebrösels auf die Psyche - insbesondere da der Hang sich nach oben ganz langsam zurückneigt. (zurück)
Anmerkungen zu den Höhen der einzelnen Lager
Da es über die Höhenangaben sehr verschiedene Aussagen gibt, wollten wir insbesondere die Basislagerhöe von der Gipfelhöhe her zurückrechnen. Wir gingen erst von einer Basislagerhöe von ca. 5650 m aus; am Gipfel zeigten jedoch alle Höhenmesser dann anstatt 8201 m nur ca. 8000 m, was bedeuten würde, daß das Basislager tatsächlich 200 m höher liegen müßte. Da der mit ca. 5700 m vermessene Nangpa La schließlich in Sichtweite liegt, hätte uns das auffallen müssen. Die Abweichung bei der Gipfelhöhe kann in dem gemessenen Umfang nicht nur durchs Wetter verursacht sein und bleibt daher unklar. Wir gehen daher bei unseren Höhenangaben von 5700 m für das Basislager aus und berechnen alle Lagerhöhen von dort aus. In der Gipfeletappe bleibt dadurch allerdings ein Fehler von mindestens 100 Höhenmetern bestehen.
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Hartmut Bielefeldt
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© 1999 Hartmut Bielefeldt

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Letzte Änderung am Text 08. August 1999 durch Hartmut Bielefeldt
Letzte Änderung in der Form am Donnerstag, 24. August 2006.